Forrest

Den Wind habe ich in der letzten Geschichte nicht umsonst erwähnt – natürlich spielt er eine Schlüsselrolle. Diesmal erzähle ich euch aber etwas Anderes, es geht um eine Kurzgeschichte. Sie geht mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf. Es ist keine spannende, witzige, dramatische, kluge oder gruselige Geschichte. Sie ist nicht mit Metaphern gespickt und hat keine Metaebene die höher ist als meine Stirn – dennoch kommen meine Gedanken zu ruhiger Stunde immer wieder auf sie zurück. Wisst ihr warum? Im Ernst, ich habe keine Ahnung, klärt mich bitte auf.

Ein paar Monate nach dem Kennenlernen eurer Lieblingstante standen unsere ersten Semesterferien an – die Zeit, in der alle Krankenhäuser im Land den Ausnahmezustand ausrufen mussten, da alle europäischen Medizinstudenten des ersten bis vierten Semesters in die deutsche Heimat zurückkehrten und ihre Stationen überfluteten. Mit dem Wissen eines Toastbrots und dem Selbstbewusstsein eines russischen Oligarchentöchterchen durften sie zwölf Wochen lang Chaos im Krankenhaus ihrer Wahl verbreiten und sich wichtig fühlen, während das Personal an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben wurde. „Krankenpflegepraktikum“ nannte sich diese geniale Erfindung des Bildungsministeriums, die natürlich von essenzieller Bedeutung für unsere Ausbildung war und nicht einfach nur Personalkosten einsparen sollte.
Ich fing also an und arbeitete vom zweiten Tag an alleine meine Aufgaben ab. Solche Dinge wie Blutdruck, Temperatur, Blutzucker messen und Leute waschen, anziehen, aus der Notaufnahme abholen, Infusionen an- und abhängen, Kaffee kochen und Schränke mit Pflegeutensilien auffüllen standen auf der Tagesordnung. Ab und zu blieb Zeit für längere Gespräche mit Patienten oder für’s aushelfen bei den Physiotherapeuten, was am Meisten Spaß machte.

Eines Tages, nachdem gefühlte 1000 Patienten entlassen und 1000 neu aufgenommen wurden und ich nach endloser Bettenschieberei schon in Erwägung zog, Pflegestufe fünf zu beantragen, kommt mir die Idee für zwei Minuten zu verschnaufen. Ich suche auf der Patientenliste den einzigen Raum, von dem ich weiss dass er auf jeden Fall leer steht, schleiche vorsichtig rein und lasse mich mit einem Seufzer auf einen Stuhl am kleinen Tisch im Zweierzimmer fallen. „Da hatte aber Jemand einen schweren Tag!“ – tönt es auf einmal aus dem Badezimmer, und hinter mir kommt ein älterer Herr in’s Zimmer – belustigt über meinen verdutzten Blick setzt er sich dann auf den Stuhl am anderen Ende des Tisches. „Oh, tut mir leid, laut Plan ist dieses Zimmer bis morgen frei und ich wollte nur eine kurze Pause machen, aber ich will sie nicht länger stören – also…“  „Nein nein,“ unterbricht er mich,  „Mir macht es nichts aus, bleiben sie, kommen sie zur Ruhe. Ich habe selber mein ganzes Leben lang in diesem Gewerbe gearbeitet und weiss, dass sie keine Sekunde verschnaufen können werden wenn sie jetzt in die Schwesternküche gehen. Eine Option wäre noch die Personal-Toilette oder eine Abstellkammer, aber das Risiko, auf dem Weg dorthin im Flur erwischt zu werden, ist zu hoch – demzufolge ist dieses Zimmer hier der beste Pausenraum.“ Ich setze mich wieder hin. „Das Klo und die Abstellkammer sind ausserdem fensterlos, nach ein paar Sekunden ist der gesamte Sauerstoff des Raumes verbraucht und man würde in Ohnmacht fallen. Aus rein rationalen Gründen müssen sie mich also ein paar Minuten lang ertragen.“ Das leichte Lächeln des Patienten bleibt mir trotz seines dichten, weissen Barts nicht verborgen. „Ich denke, die paar Minuten halte ich schon aus.“

Mir fällt sein vornehmer Kleidungsstil auf, ganz wie auf alten Fotos aus den 20er Jahren, inklusive Hut und Gehstock. Auf seine Bitte, die Daunenkissen aus seinem Lederkoffer zu holen und sie ausgeschüttelt auf sein Bett zu legen, gehe ich ein und nehme mir vor, gleich nach der Pause die Federn auf zu fegen die ich gerade quer im Zimmer verteilt habe. Die Stadt, die man durch das große Fenster aus dieser Höhe fast komplett überblicken kann wird gerade von Tornadoartigen Stürmen durch geschüttelt – Äste, Vögel, Schirme und Schilder werden herum geschleudert als hätte ein Kleinkind gerade seine Trotzphase an seiner Legostadt ausgelebt.

„Herrlich, dieser Ausblick, nicht wahr? Früher gab es hier keine so großen Fenster, die von der Decke bis zum Boden reichen. Ah, mir fällt da eine Geschichte ein, willst du sie hören?“ Wofür würdet ihr euch entscheiden, Kinder?

Ich blieb natürlich sitzen und wünschte mir, es gäbe hier einen Kamin und gemütliche Sessel im Zimmer – stattdessen kann ich nur durchs Fenster beobachten wie eine Taube, vom Wind erfasst, beinahe gegen die Fensterscheibe geschleudert wird und im letzten Moment noch die Kurve bekommt.

„Zu meiner Zeit“, beginnt der Patient zu erzählen, „Waren die Patientenbetten auf dieser Station durch Vorhänge getrennt, es lagen weitaus mehr als zwei Leute auf einem Zimmer und die Schwestern, oft Ordensschwestern, trugen weisse Häubchen auf dem Kopf. Lachgas und Äther waren richtige Narkotika und man lag nach der Operation meist wochenlang auf Station, wenn man überhaupt das Glück hatte den Eingriff überlebt zu haben.“

„Sind sie etwa schon so alt?“ sprudelte es aus mir hervor, gleichzeitig wurde ich mir des unverschämten Klanges dieser Frage bewusst.

„Danke, es ist doch schön als Jungspund durchzugehen. Ich glaube ja Wein hat konservierende Kräfte. Aber genug davon, ich wollte doch von dem Mann erzählen, der kurz nach seinem Eingriff auf genau dieser Station landete.“

Hektische, schwere Schritte kommen vom Flur aus immer näher und ich höre den Stationsdrachen schnaufen. Ich bete dass sie diesen Raum nicht betritt.

„Kind, wo bist du? Hast du dich selbst etwa auf der Toilette runter gespült? Die Arbeit ruft, hop hop! Los jetzt!“ Ruft sie, während sie gleichzeitig mit der Faust gegen die benachbarte Tür hämmert, hinter der sich eine Toilette befindet.

Ich höre wie sich die Tür langsam entriegelt und öffnet, und eine brüchige Stimme antwortet: „Kind? Also ich fühle mich sehr geehrt, dass sie mich für so jung halten, aber ich wollte eigentlich nur zu meinem Mann. Und arbeiten tu ich seit 15 Jahren schon nicht mehr!“ Zum ersten Mal erlebe ich den Stationsdrachen sprachlos und ich kann mein fettes Grinsen nicht kontrollieren.

„Nächstes Mal gehen sie bitte auf die Besuchertoilette, das hier ist nur für Personal!“ stammelt sie hervor, bevor sich ihre schweren Schritte in den Weiten der Station verlieren.

„So, fahren wir mit der Geschichte fort. Herr Schmidt war nicht der hellste, gutaussehendste oder sympathischste Mann, und trotzdem hatte er es im Leben weit gebracht nachdem er in der Schule schon gelernt hatte, dass Unehrlichkeit doch am längsten Währt. An der Börse war er unzählige Male sehr erfolgreich, aber fast genauso oft verlor er sein Geld auch wieder. Beziehungen jeglicher Art pflegte er nur solange er davon in irgend einer Weise profitierte und liess diese sofort fallen wenn ihm ein besserer Geschäftspartner oder eine schönere Frau über den Weg liefen. Das ein oder andere uneheliche Kind hatte Herr Schmidt in die Welt und die ein oder andere Million in den Sand gesetzt, doch er wusste dass am Ende für ihn Alles gut wird, denn er war ja ein Gewinner. Menschen mag es sehr beeindrucken, doch die Biologie lässt auch der schickste Smoking völlig kalt. So landete er familienlos – wenn auch nicht ganz kinderlos – auf dieser Station, in lebensbedrohlichem Zustand und ohne jemanden der Ehrlich daran Anteil nahm. Als er das Zimmer erstmalig betreten hat, welches ein zu damaliger Zeit unübliches Doppelzimmer und kein 8er Zimmer war, merkte er dass es das Schicksal wohl nicht mehr gut mit ihm gemeint hatte. Denn der Platz am Fenster war durch einen alten Mann besetzt und die Betten durch einen dicken Vorhang getrennt. Die schöne Aussicht auf Stadt und Berglandschaft wurde ihm verwehrt, obwohl er genauso viel für den Aufenthalt zahlen musste wie sein Bettnachbar.“

„Es ist ja nicht so, als wäre er in einem Luxus-Hotel gelandet.“ Genervt von verrückten Ansprüchen noch verrückterer Patienten verdrehe ich die Augen.

„Das stimmt, doch wenn man wochenlang auf demselben Platz liegen bleiben muss, machen einen Sachen wie verwelkte Blumen, ein tropfender Wasserhahn oder eine blinkende Schmerzpumpe schlichtweg wahnsinnig. Herr Schmidt war da keine Ausnahme, die kahle weisse Wand vor seinem Bett, die er eingehend auf Unregelmäßigkeiten untersucht hatte – es gab genau fünf –  langweilte ihn zu Tode. Er fragte seinen Nachbarn was man draussen beobachten konnte und die ersten Tage war die Antwort immer die gleiche – Nichts. Am dritten Tag erzählte er, dass die Kirschbäume vor der Klinik, die vor einem Tag noch kahl gewesen waren, auf einmal rosa zu blühen begonnen hatten. Am Tag darauf erzählte er von einem jungen Pärchen, welches sich auf der Parkbank zu streiten schien,  von Kindern, die zwischen den Bäumen fangen spielten und einem Hund, der sich von der Leine los gerissen hatte und von seinem aufgebrachten Herrchen quer durch den Park gejagt wurde. Mit jedem Tag wurden die Erzählungen, die Herr Schmidt mit geschlossenen Augen hörte, länger und lebendiger. Die Sonne wärmte seine Haut, es roch nach Kirschblüten und er konnte das morsche Holz der Parkbank förmlich unter sich spüren, sobald sein Nachbar zu erzählen begonn. Doch sein Zustand verschlimmerte sich zusehends. Familie und Freunde kamen nur noch mit Tränen in den Augen zu ihm ans Fenster, denn die Ärzte hatten ihnen unerwartet schlechte Nachrichten überbracht. Dem Nachbarn war es vergönnt nur noch wenige Monate zu Leben. Seine Stimme wurde immer schwächer, doch die Erzählungen wurden dadurch nicht weniger lebendig.

Eines Nachts wurde Herr Schmidt durch ein Geräusch geweckt. Etwas fiel zu Boden – vermutlich die Notfallklingel – und man hörte angestrengtes, gepresstes Atmen. Genervt drehte sich Herr Schmidt auf die andere Seite. Doch die Atemgeräusche wurden schlimmer. Kurz überlegte er, seinen Notfallknopf zu betätigen, doch auf diese Weise würde er seinen wohlverdienten Fensterplatz nie bekommen, denn der alte Mann hatte ja noch ein paar Monate zu leben. So blieb Herr Schmidt mit dem Rücken zum Vorhang liegen, bis die Geräusche irgendwann endlich verstummten. Am nächsten Morgen wird der Nachbar tot von der jungen Schwesterschülerin aufgefunden, die erst dachte, er schliefe nur sehr fest. Auch nach dreimaliger Aufforderung  antwortete er aber nicht und hatte eine Hautfarbe, die das Mädchen noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hob die Notfallklingel vom Boden auf und drückte den Knopf – leider vier Stunden zu spät. Herr Schmidt wurde an den Fensterplatz verlegt während das Bett des Nachbarn aus dem Zimmer gerollt wurde. Zufrieden schloss Herr Schmidt die Augen, während sein eigenes Bett in Bewegung kam und er die Schwestern tratschen hörte, wie schade es um den Armen Kerl war, der es erst an den Augen, dann an der Leber hatte und heute mit seiner Frau doch Goldhochzeit feiern wollte. Herrn Schmidt verwirrte Dies – dass der Nachbar was an den Augen hatte hatte er nie erwähnt. Er drehte den Kopf zur Fensterseite und schaute raus. Was er jetzt sah, liess ihm das Blut in den Adern gefrieren.“

Die Stimme des Stationsdrachen hörte ich außergewöhnlich nah, doch ich sah sie nirgends. „Alles in Ordnung mit dir? Hallo? Hallo?!“

Der weise Mann fährt ungeniert fort, als hätte er nichts gehört. „Was der Auslöser für sein Entsetzen war? Herr Schmidt sah eine graue Wand, wenige Meter von der Fensterscheibe entfernt, unten einen engen Hinterhof und sonst – Nichts.“ Mein Kopf hallt von diesem Wort wieder und alles wird schwarz.

NICHTS.

NICHTS.

NICHTS.

Ich schrecke hoch, atme tief ein und reisse die Augen auf. Der weise Mann samt Gepäck ist weg. Statt dessen steht Schwester Ursula vor mir, die Arme verschränkt und die Lippen fest zusammen gekniffen. Ich sehe fast schon Rauch aus ihren Nasenlöchern kommen, wie es sich für einen feuerspeienden Drachen gehört.

„Wenn ich dich noch einmal erwische wie du in einem leeren Patientenzimmer schläfst, und auch noch das Anwesenheitslämpchen vergisst, zieh ich dir die Ohren lang. Wie sieht’s denn hier aus? Sind wir hier bei Forrest Gump und du erzählst mir gleich was von Pralinen, oder was?“ Ich folge ihrem Blick schaue hoch. Eine kleine weisse Feder schwebt von der Decke, fällt, sich um die eigene Achse rollend, langsam runter und lässt sich zu den anderen 20 Daunen links vom Bett fallen. Ich entschuldige mich und werde ein wenig rot – wie konnte das passieren? Ich kann schon auf Matratzen mit weniger als sieben Zonen kaum einschlafen, ganz zu Schweigen von harten Stühlen in Patientenzimmern.

„Meine Mama hat immer gesagt, das Leben ist…“ Bevor ich den Satz beenden kann, werde ich von Ursulas lautem Lachen unterbrochen.

Zum Glück scheine ich den Stationsdrachen nun besänftigt zu haben. „Die Arbeit wartet, Kind. Lauf, Forrest, lauf!“

 

(Inspiriert durch Wolfdietrich Schnurre (1920-1989): Beste Geschichte meines Lebens)

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Der Tag an dem ich kurz Kung-Fu konnte

Kinder, euer Vater mochte die rohe, wilde Energie von starkem Wind seit seiner Jugend. So spielt auch die folgende Geschichte an einem sehr windigen Herbsttag kurz vor Mitternacht. Die Prüfungen an der Uni rückten in Lichtgeschwindigkeit näher, sodass ich ständig wie ein lebendig gewordenes Bücherregal herum lief. Vollbeladen mit einer Million Skripten und Büchern stieg ich müde aus dem Bus um danach in die Anschluss-Bahn zu steigen. ,,Endlich nach Hause und entspannen, der Schlimmste Teil des Tages ist geschafft“ dachte ich mir. Natürlich war dem nicht so. Kinder, ihr werdet nie erraten was mir an dem Tag noch passieren sollte. Ungeahnte Kung-Fu Talente würden sich der Welt offenbaren, weswegen ich heute immer noch Angebote für Bodyguard-Jobs erhalte – zuletzt von George Clooney höchstpersönlich. Ich glaube seine Ehefrau Amal wäre davon jedoch nicht so angetan.

Wie auch immer, verärgert vom harten Tag und leicht verträumt lief ich quer über den Bahnhof um die Treppen und anschließend die Bahn nach Hause zu nehmen. Oben angekommen, merkte ich dass Jemand ganz dicht hinter mir stand. Ich spürte seinen heissen Atem auf meiner Wange und mein Herz machte einen Sprung, und in diesem Moment konnte ich mich zum ersten Mal in die Situation von Groschenroman-Protagonistinnen hinein versetzen. Ich redete mir ein, der Wind versuche mich zu belästigen, doch im Nächsten Moment konnte ich es nicht mehr ignorieren dass jemand dicht hinter mir stand. Plötzlich versuchte Etwas mir meine Tasche mit einem Ruck zu entreißen. “Ernsthaft?“ dachte ich mir. Wer würde schon Uni-Bücher klauen? Dieser Jemand war ein ca. 22-jähriger, blauäugiger Junge mit erstaunlich weissblondem Haar. Unter Schock stand ich zuerst wie gefesselt, versuchte dann etwas Distanz herzustellen um die Polizei anzurufen. Als ich das auch in die Tat umsetzte, merkte ich wie schockiert der Angreifer mich ansah. Dass sich eine unscheinbare, auch noch weibliche Person einfach zur Wehr setzte statt ihm die Tasche zu geben ließ ihn erstmal schlucken. Ich sah ein metallisches Glänzen, Albino-Junge zückte ein Messer aus seinem Mantel und lief auf mich zu. Als er zum wiederholten mal nach meiner Tasche griff, überkam die Wut mich plötzlich und ich trat ihm, ganz in Kung-Fu Manier das Messer aus der Hand. Eine Flutwelle von Adrenalin schoss durch meinen Körper, ich fühlte mich stark und unnahbar. Seine Kinnlade klappte runter und er schaute mich so verdutzt an als hätte Trump ihn soeben bei der “Pussy gegrabbed“. Es war mir gleichgültig dass er zwei Köpfe größer war als ich und mindestens doppelt so schwer. Beschwingt zielte ich nun auf sein Gesicht und boxte rein als gäbe se kein Morgen mehr. Ja, Kinder, warum rannte ich eigentlich nicht weg? Warum gab ich ihm nicht einfach meine Tasche? Diese Fragen stellte ich mir erst viel später. Tatsächlich waren in meiner Tasche nur Skripte, Bücher und etwas Bargeld im Wert von 2,38 Euro. Ich wollte mich aber nicht so von Blondie behandeln lassen. Es war immerhin MEINE 12,00 Euro Primark-Tasche! Ich nahm all mein Körpergewicht zusammen und schubste Möchtegern-Eminem gegen die Gitter auf der Übergangs-Brücke zum Bahnhof. Er guckte noch verdutzter als sowieso schon, und ich fragte mich ob sich sein Verdutzungsgrad noch weiter erhöhen ließe. Mittlerweile waren 8 Minuten seit meinem Notruf vergangen. “Wo bleibt denn nun mein Freund und Helfer?“, dachte ich mir, und kurz darauf tauchte ein Streifenwagen auf. Surferboy sah das Blaulicht (und, oh Wunder, er konnte also doch noch verdutzter gucken!), und rannte panisch davon. Ein Polizist nahm mich mit dem Streifenwagen zum Revier mit, während zwei Andere sich auf die Suche machten. Obwohl sie den Übeltäter nur um 15 Sekunden verpasst hatten, konnten sie ihn nicht ausfindig machen. So saß ich nun wie ein Häufchen Elend auf der Wache, mit zerrissener Tasche und ein paar Blutflecken, welche glücklicherweise nicht von mir stammen. Polizist No. 1 wies mich tatsächlich auf eine frisch ausgeschriebene Stelle hin, da er mich unbedingt in seinem Team haben wollte.

Versteht ihr jetzt dass Stärke nicht primär von Muskelmasse und Geschlecht abhängt? Lasst euch niemals von Aussen vorschreiben was und wieviel ihr könnt, wer ihr seid, dass man sich künstlich auferlegten Gesellschaftsnormen entsprechend verhalten muss. Denn wenn es drauf ankommt seid ihr auf euch allein gestellt. Nur mit Köpfchen, viel Mut und einem Schuss Adrenalin kommt ihr da raus – sei es die Klausur, das erste Treffen mit eurem Schwarm oder der zielsichere Kung-Fu-Tritt um Mitternacht. Niemand wird euch dabei helfen, was aber nicht heißt dass ihr hilflos seid!

 

Der Tag an dem ich euren Vater kennen lernte

Wie ich euren Vater kennen gelernt habe? Das ist so viele Jahre her, und trotzdem habe ich den Tag lebendig vor mir, scharf gestochen und detailliert wie diese HD-Filme die ihr aus Erzählungen kennt.
Es war ein dunkler Herbsttag in Unistadt No.1, mit monsunartigem Regen der selbst die dickste Jeans in sekunden-schnelle durch weichte. Das Abi frisch in der Tasche, (oder auch schon ein paar Jahre Lebenserfahrung mehr auf’m Buckel) fingen ein paar Hundert junge Menschen mit mir das Studium an – neugierige, ängstliche, fröhliche, unsichere Wesen, mit unrealistischen Vorstellungen von der „echten“ Welt da draussen und einer großen Ladung Idealismus und Mamas Butterbroten im Gepäck (Poeten würden sagen: in der einen Hand die Wurzeln und in der anderen die Flügel, nur waren meine Hände leider schon mit Schokolade und Knabberzeug besetzt) .

Wie auch immer, zwei junge Chaoten rennen um 10 Uhr morgens im Regen um ihr Leben, Eine vom Nordflügel der Uni und die Andere vom Südflügel aus. Merkt euch das, Kinder – zu spät kommen zu Vorlesungen ist für alle Beteiligten nervig, man kommt entweder rechtzeitig oder gar nicht. Zwei wehende Haarschöpfe, einer blond und der andere braun, fliegen von den gegenüberliegenden Enden des unterirdischen Ganges aufeinander zu, in dem die Lichter gruselig flackern, bis sie kurz vor der Tür des Hörsaals zu Stehen kommen. „Das war knapp, in 2 Minuten fängt’s an! Es war so leer und ich dachte schon ich hätte den Saal verwechselt“ , sagt die Brünette. „Ja, gut dass wir uns heute nicht blamieren müssen“ entgegnet ihr die Blonde, während sie beschwingt die Tür aufreisst, „das wär echt peinl- “ – ihr Atem stockt, denn ca. 200 erwartungsvolle Augen starren sie von Oben an, ein nur wenige Meter entferntes Professoren-Augenpaar mit eingeschlossen. „Entschuldigung..falsche Vorlesung, aber viel Spaß euch!“ sagt Blondie bevor der ganze Saal in schallendes Gelächter ausbricht, wovon selbst die bräsigen Spiegel-Neurone des mürrischen Professors nicht unbeteiligt bleiben können, und schließt die Tür.

Die Lichter im Gang flackern stärker, als würden auch sie uns auslachen, und Blondie lässt sich mit dem Rücken an der Wand auf den Boden plumpsen. „Das war’s, wir haben die dritte Vorlesung verpasst, Unsere war doch im Saal am anderen Ende der Uni.“ , seufzt sie. Brownie schaut sich während dessen mit verschränkten Armen um. „Nicht zu vergessen dass wir als die nervigsten Erstis in die Geschichte der Menschheit eingehen werden. Wo sind Serienmörder eigentlich wenn man sie Mal braucht?“ , „Du sagst Es! Wie heisst du überhaupt?“
An diesem Tag lernten wir vielleicht nicht mehr wie Oxalat aufgebaut ist, dafür lernten etwas viel wichtigeres: Die hinteren Hörsaal-Türen im Erdgeschoss zu benutzen, durch die man von oben in den Saal kommt, ohne unten am Prof vorbei gehen zu müssen, den Gang hoch, während die Kommilitonen links und rechts von dir „Shame! Shame!“ rufen. Das, Kinder, war der Tag an dem ich eure Lieblingstante kennen gelernt habe. Ja, das stimmt, das andere Mädchen war ich – unsere Haarfarben sind immer noch dieselben, vielleicht ein wenig ergraut, aber klar erkennbar. An diesem Tag sollte ich euren Vater zwar nicht zum ersten Mal sehen, doch ohne eure Lieblingstante hätte ich ihn nie getroffen. Wie es Dazu kam, erzähle ich euch gleich, lasst uns erstmal Etwas leckeres essen!